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Lattenmensch

1990 habe ich den ersten Lattenmenschen im Keller meines Hauses in Tutzing/Bayern gebaut.

Eine Fantasie, gespeist aus vielen Eindrücken von der Kunst anderer Menschen. Eine Skizze, der Griff zum Material im Baumarkt, der Latte, den ich nicht erklären kann, auch nicht will.

Danach baute ich gleich sechs weitere, es entstand eine Gruppe von sieben Lattenmenschen.

Die erste "Gesellschaft", die noch keinen Namen hatte.

Mit diesen sieben Lattenmenschen war ich sofort öffentlich, mit Ausstellungen in Tutzing und München.

Später wurde die Gruppe der Lattenmenschen größer und war an vielen Orten:

GESELLSCHAFT

Menschen in ihren Verhältnissen.
Geprägt durch das, woher sie kommen, wohin sie wollen.
Und ihr Ziel selten erreichen.

Menschen sind scheinbar zielgerichtet,
brechen oft mit eigenwilligem Verhalten
auf dem Weg zum Ziel aus.

Meine Arbeit will dazu ermutigen,
den Grad der eigenen, gesellschaftlichen Gleichschaltung
an sich wahrzunehmen.
Ihn zu akzeptieren oder sich zu verändern.

Die GESELLSCHAFT begann dann zu reisen, nach Mecklenburg, Niedersachsen, Bodensee, Frankfurt am Main, Eifel, Schweiz, Österreich, Hamburg, Australien, Dänemark.
Bis heute, 2009, an 22 Orten zu sehen.

Meistens vor Ort gebaut, aus dem einheimischen Nadelholz, der Kiefer, Fichte oder Lärche. Hat was mit Identität zu tun. Aus der Latte, 24/48 mm, sägerau, im Gatter gesägt, unbehandelt. Genagelt, geschraubt, geleimt. Außen mit Stahlfüßen bestückt, damit sie im Boden Halt haben. Bei Wind, Regen, Schnee, Eis, Kälte und Hitze.

Auch wenn die Lattenmenschen gleich gebaut sind, im Material unterschiedlich, die Installation hat sehr unterschiedliche Wirkungen. Bei gleichen einzelnen Skulpturen, die unterschiedlich gruppiert werden, verändert die Umgebung, Stadt oder Land, die Wirkung. Und meine Kunst verändert die Umgebung. Eine Wechselwirkung, die sehr spannend und belebend ist.

Die GESELLSCHAFT fordert immer, gleich wo und wie, Kommunikation. Zwischen Betrachter, Kunst und Künstler. Die Kommunikation bewegt sich sehr breit zwischen Zustimmung und Ablehnung.

Die Arbeit mit den Lattenmenschen beschäftigt mich immer wieder, mal mehr, mal weniger.

Mit dem neuen Entwurf der GESELLSCHAFT kommen neue Materialien dazu wie Glas und Metall. Ein mehrfaches Bild von GESELLSCHAFT und des Lattenmenschen wird sichtbar, stehend wie liegend und vervielfältigt.

Was wird das sein, was zeigen? Sicherlich jedem Betrachter etwas anderes.

Ist Kunst die letzte Freiheit in unserer Gesellschaft? Nur den Wertvorstellungen des Einzelnen sich öffnend?

Wir werden es erleben, wann, wo und wie auch immer.

Jörg-Werner Schmidt, im Mai 2009