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Gesellschaft und Glas

Die charakteristischen Lattenmenschen von Jörg Werner Schmidt, die zur „Gesellschaft“ gruppiert werden, bilden die Grundlage für den aktuellen Entwurf einer Großinstallation.

Die einzelnen Holzfiguren stehen in einem quadratischen Raum, der aus vier Glaswänden besteht. 145 dieser Figuren im Glaskörper werden so aufgestellt, dass sich wiederum die Form des Lattenmenschen ergibt.

Die Holzskulpturen sind roh und ursprünglich gehalten. Ihr hölzerner Charakter ist Programm. Starr, ohne Mimik oder Körpersprache, quasi zweigeschlechtliche, dreidimensionale Strichmännchen stellen den Menschen an sich dar. Sie bieten eine Projektionsfläche für grundsätzliche Gedanken und Fragen, beispielsweise „Woher kommen wir?“ „Was wollen wir?“

Die Glashülle setzt die Lattenmenschen in einen weiteren Zusammenhang. Jeder einzelne wird intensiver präsentiert, er wird wie in einer Vitrine oder einem Schaufenster vorgezeigt. Die Exponate können nicht berührt werden, haben eine stärkere Distanz zum Betrachter. Sie erscheinen fremdartiger und wertvoller.

Wird die Installation im Außenbereich aufgestellt, entwickeln die einzelnen Glashüllen eine eigene Dynamik. Je nach Wetterbedingungen und den  Lichtverhältnissen verändern sie ihren Oberflächencharakter. Sie können beschlagen, vereisen oder reflektieren, so dass wiederum ein völlig anderer Eindruck der einzelnen Figur und der gesamten Gruppe möglich wird.
 
Das Glas kann sowohl als Schutz  als auch als Barriere aufgefasst werden. Die Glaskörper sind nicht abgeschlossen, nach oben und unten offen. Sie erzeugen die Illusion von Freiheit. Innerhalb des Glasraumes sind die Figuren frei beweglich, ihre Blickrichtung variiert. Ihre Beziehungen zueinander sind vielfältig interpretierbar.

Die Lattenmenschen bilden hier nicht nur eine Gruppe, sondern eine Form, eine fest umrissene Einheit. Jeder Einzelne ist wichtig. Nur zusammen erzeugen sie das große Ganze.

Das große Ganze kann dabei nicht als Einheit wahrgenommen werden. Der Betrachter kann lediglich  einzelne Elemente erfassen. Es sei denn, die Installation wird aus großer Höhe besichtigt.

Wir haben es hier also nicht nur mit einer Metapher für menschliches Zusammenleben zu tun. Betrachten, genau hinschauen, den Blick schärfen für Details, etwas durchsichtig machen, diese Grundaufgaben der bildenden Kunst erfüllt die Installation ebenso. 

Dagmar Detlefsen 
Kunsthistorikerin

 

Gesellschaft
     
Menschen in ihren Verhältnissen.
Geprägt durch das, woher sie kommen, wohin sie wollen.
Und ihr Ziel selten erreichen.
Menschen sind scheinbar zielgerichtet,
brechen oft mit eigenwilligem Verhalten
auf dem Weg zum Ziel aus.

Meine Arbeit will dazu ermutigen
den Grad der eigenen, gesellschaftlichen Gleichschaltung
an sich wahrzunehmen.

Ihn zu akzeptieren oder sich zu verändern.

Jörg-Werner Schmidt ✝